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Energiemärkte

Corona-Pandemie wird noch jahrelang in der Energiewirtschaft spürbar sein.

9. Juni 2020

Deutschland und Europa stemmen sich mit einer Reihe von Konjunkturprogrammen gegen die Rezession. Kürzlich verkündete die EU-Kommission unter Präsidentin Ursula von der Leyen ein 750 Milliarden Konjunkturprogramm sowie gezielte Aufstockungen des langfristigen EU-Haushalts für 2021-2027. Auch in Deutschland wird aktuell ein Konjunkturpaket geschnürt, um den starken Rückgang der Wirtschaftsleistung – laut Bundeswirtschaftsministerium rund 6 Prozent in 2020 – abzufedern.

Ein Gastbeitrag von Thekla von Bülow & Dr. Benedict Probst, Aurora Energy Research, Berlin.

Schwächelnde Wirtschaft hinterlässt selbst in der krisenresistenten Energiewirtschaft tiefe Spuren.

In unserer kürzlich erschienenen Studie „The impact of COVID-19 on European Power Markets“ zeigen wir, dass die Corona-Pandemie auf den Energiemärkten tiefgreifende Spuren hinterlässt, die selbst im Falle einer relativ milden Rezession jahrelang spürbar sein werden. In unserer Analyse haben wir vier gesamtwirtschaftliche Szenarien betrachtet: Eine milde Rezession, eine tiefgreifende Rezession und schließlich zwei Depressionsszenarien für Europa – eines sogar noch verschärft durch einen tiefen globalen Abschwung. In Europa erwarten wir für 2020 einen Rückgang der Stromnachfrage zwischen acht Prozent (milde Rezession) und 13 Prozent (Depression). In Deutschland fällt dieser Rückgang weniger stark aus als in anderen Ländern – wie beispielsweise in Italien – unter anderem, da es keine staatlich angeordneten systematischen Schließungen von Industriebetrieben gab.

Die geringe Nachfrage drückt die Strompreise: Grundlastpreise im Day-Ahead Markt fallen um 24 bis 40 Prozent je nach Szenario im Jahr 2020. Kommt es zu einer Depression sinken die Strompreise 2021 noch weiter und erholen sich erst danach langsam wieder in Richtung Vorkrisenniveau. In den Depressionsszenarien liegen die Strompreise selbst im Jahr 2025 noch 15-20% unter den Strompreisen des Vorkrisenniveaus.

Kohle verliert, Gas gewinnt, Erneuerbaren schwächeln.

Die Kohlekraft trifft das Niedrigstrompreisniveau besonders hart, denn sie produziert deutlich weniger und zu geringeren Deckungsbeiträgen. Dies tritt nicht nur in Deutschland ein: so sinkt beispielsweise die Profitabilität polnischer Kohlekraftwerke um bis zu 80 Prozent. Dazu kommt erschwerend hinzu, dass der European Green Deal die Kohleverstromung durch ambitionierte Klimaziele – und dadurch steigenden CO2-Preisen angesichts knapper CO2-Zertifikate – weiter schwächen könnte.

Profitieren wird höchstens das Klima, da weniger Emissionen anfallen. Allerdings sollte man sich da nicht zu früh freuen, da die Krise auch dazu führen könnte, dass weniger in erneuerbare Energieträger investiert wird, sodass die Gesamtbilanz auch hier negativ wäre. Denn unsere Analysen zeigen, dass in Europa bis zu 34 Gigawatt an EE-Zubau gefährdet sind – jedoch besonders in Ländern, in denen die erneuerbaren Energien bereits ohne staatliche Förderprogramme am Markt agieren. In vielen Fällen – wie in Spanien oder den Niederlanden – sinken die Erträge in diesen europäischen Teilmärkten um bis zu einem Drittel. Dennoch schneiden besonders Versorger gut ab – wie dänische Ørsted – die einen hohen Anteil Erneuerbarer in ihrem Portfolio haben, da ein Großteil ihrer Einnahmen über staatlichen Förderprogramme sichergestellt ist.

Deutsche Gaskraftwerke profitieren hingegen. Denn die deutlich gefallenen Gaspreise machen die geringeren Preise und Mengen beim Stromverkauf mehr als wett. Unsere Analysen zeigen, dass je nach Szenario die Profitabilität von Gaskraftwerken zwischen 36 und 55 Prozent im Vergleich zu den Erwartungen vor Covid-19 steigen. Wir erwarten, dass sich die Rohstoffpreise auch über die nächsten Jahre nicht vollständig normalisieren. Somit sehen wir Gaspreissteigerungen bis nahe an die Prognosen von 20 €/MWh, die wir vor der Krise getroffen haben, erst in den kommenden drei bis acht Jahren.

Auch wenn die Konjunkturprogramme das Schlimmste verhindern: ein Rückgang zur Normalität – zumindest in der Energiewirtschaft – wird es auf absehbare Zeit nicht geben. Das muss nicht nur schlecht sein, sondern kann auch Zukunftstechnologien, wie Wasserstoff und andere Speichertechnologien, durch grüne Förderprogramme den Weg ebnen.

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